Strahlemann

Mittwoch 22:23 Uhr.

Ich bin völlig erschöpft von einem erfolgreichen aber auch sehr langen und anstrengenden Tag.

Ich steige in den Bus und halte Ausschau nach einem Sitzplatz. Der Doppelsitz hinter der Tür, der, bei dem man vor sich keine Sitze hat, sondern eine gepolsterte Stange und darunter eine Glasscheibe, ist frei. Beide Sitze, sodass genug Platz für meinen Rucksack und den Jutebeutel mit den Schwimmsachen bleibt. Ich mache mich auf den Weg dorthin. Dabei komme ich vorbei an einem Mann mit einem kleinen Hund auf dem Schoß. Der Mann lächelt mich an, geradezu als wollte er sagen: “Sag doch bitte, dass du meinen Hund genauso süß findest wie ich! Ist er nicht niedlich der Kleine? Los, sag, dass du ihn toll findest.” Ich lächle zurück mit einem Blick, der sagen soll: “Ihr Hund ist ja echt niedlich – aber ich setze mich trotzdem woanders hin.” Und ich gehe weiter.

Als ich den Blick hoch nehme, sehe ich geradewegs auf ein strahlendes Kindergesicht. Ein kleiner Junge sitzt auf dem Schoß seiner Mutter. Er niest einmal kräftig und grinst dabei, als gäbe es nicht schöneres und lustigeres als zu niesen. Dann schaut er hoch und sein lachen springt mich an! Ich habe keine Chance: Von diesem Kind kann ich ab sofort nicht mehr wegschauen. Wie schön, dass er mit seiner Mama und der älteren Schwester (die sitzt auf dem Fensterplatz und schläft) auf den Sitzen neben meinen ist. Ich gehe zum auserkorenen Platz.

Hinter mir sitzen eine türkische Frau und ein Mädchen. Beide gehören scheinbar zur Familie der beiden Frauen, die hinter unserem Strahlemann und seiner Familie sitzen. Eine Reihe weiter hinten, sitzt noch ein türkisches Mädchen aus dieser Familie. Der kleine Junge schaut sich neugierig um, flirtet mit jeder, die Augenkontakt aufnimmt und brabbelt ab und zu etwas. Die ältere Frau in der Reihe hinter ihm macht lustige Geräusche. Er lacht. Sie streckt die Hand nach ihm aus und er streckt seine Hand nach ihr aus. Er lacht. Dann schaut er wieder in meine Richtung. Ich lächle ihn an und winke mit meiner Hand. Er lacht.

Was für ein herrliches Kind! So spät abends und er ist so wach und aufmerksam und gut gelaunt. Die Mutter ist ganz ruhig und freut sich scheinbar auch über ihren kontaktfreudigen Sohn.

Die Leute weiter vorne im Bus schauen ab und zu herüber, weil wir alle lachen. Dann sind wir in Dornberg. Der Mann mit dem Hund muss aussteigen. Er kommt Richtung Tür und hat seinen Hund im Arm. Anstatt sich zur Tür zu drehen, stellt er sich direkt vor die Stufe, die den hinteren Teil des Busses begrenzt und präsentiert seinen Bauch und den Hund in seinem Arm. Ich überlege, ob er denkt, wir würden uns alle so sehr über seinen Hund freuen, oder ob er an unserer Freude über den kleinen Jungen teilhaben möchte. Allerdings schaut er den Strahlemann kaum an. Dann öffnen sich die Türen und er steigt aus.

Alles wendet sich wieder dem Jungen zu. Er steht jetzt auf dem Schoß seiner Mama und guckt sich alles und jeden ganz genau an. Kurz spielt er mit dem Mädchen, was jetzt nicht mehr eine Reihe weiter hinten sitzt, sondern sich zwischen die beiden Frauen gestellt hat. Ich winke ihm nochmal zu und spiele ein bisschen mit seinen Händen. Es sind Babyhände! So weich und niedlich. Schade dass ich gleich aussteigen muss.

Von einem Kind angelacht zu werden ist so wunderbar. Es ist ein tolles Gefühl, von einem so kleinen Kind (scheinbar) gemocht zu werden.

Ich winke ihm nochmal zum Abschied, sage der Mutter, wie toll ich es finde, dass er so ein Strahlemann ist.

22:35 Uhr. Ich steige aus dem Bus. In mir jubelt es. Ich grinse vor mich hin und gehe nach Hause.

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